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Ich bin viele

Stell dir vor du hast einen Zwilling. Ihr seht euch nicht besonders oft, denn er (oder sie) lebt in einer anderen Stadt. Aber ihr seid miteinander unzertrennlich verbunden. Genauer gesagt seid ihr über das Quantenfeld miteinander verschränkt.

Alles was dein Zwilling so macht, wirkt sich direkt auf dein Leben aus.

Als du beispielsweise heute morgen aufgestanden bist, hattest du einen heftigen Kater und musstest dich durch den Tag quälen. Nicht, weil du zu tief ins Glas geschaut hast, sondern dein Zwilling, der gestern eine Wette gewinnen wollte.

Letze Woche bist du mit einem blauen Auge und heftigen Kopfschmerzen aufgewacht. Nicht, weil du hingefallen bist, sondern weil dein Zwilling sich geprügelt hat.

Und als du neulich deinen Kontostand gecheckt hast, musstest du feststellen, dass du jetzt monatlich einen Kredit abstottern darfst. Und das nur, weil dein Zwilling einen 4K Beamer haben wollte.

Dein bester Freund redet nicht mehr mit dir, weil dein Zwilling ihn gekränkt hat. Und auch deine Hosen passen dir nicht mehr, weil dein Zwilling sich pausenlos Netflix reingezogen und dabei kilogrammweise Chips vernichtet hatte.

Frage: Magst du ihn?

Mir wäre eine Quantenverschränkung dieser Art einen Mord wert. Und doch kennen wir ihn alle. Diesen Zwilling. Jeder von uns hat einen.

Unser Körper erneuert sich selbst. Kontinuierlich. Nach vier Wochen haben wir beispielsweise eine brandneue Haut. Und in unserer Blutbahn schwimmt kein rotes Blutkörperchen rum, das älter als vier Monate ist.

Jeden Tag lernen und erleben wir etwas Neues, mit dem Ergebnis, dass sich unsere Hirnzellen neu verdrahten. Gestern hatten wir zu einem Thema eine Meinung, heute ein andere.

Kurz: Mein ICH gestern und mein ICH heute sind zwei verschiedene Menschen. Natürlich mit einer großen Schnittmenge, aber eben auch mit physischen und psychischen Unterschieden.

Wenn ich mir einen quantenverschränkten Zwilling wünschen können, dann würde ich einen haben wollen, der vom Sofa aufsteht und eine Runde Sport treibt. Dann sollte er was für seine Bildung tun, sich um ein gutes Auskommen kümmern und auf seine Ernährung achten.

Saufen sollte er nicht, denn Kater mag ich gar nicht. Mit so einem Zwilling könnte ich mich anfreunden.

Die ICH’s von gestern und den vielen Tagen davor sind diese Zwillinge. Sie taten was sie taten und ließen sein, was sie sein ließen. Ändern kann das keiner von ihnen.

Das ICH von heute kann sich jedoch ganz genau überlegen was für ein Zwilling es sein möchte. Einer der gemocht wird oder einer der gehasst wird.

Unser Selbstbild ist die Summe aller Zwillinge der Vergangenheit. Ob wir uns in Zukunft selbst mögen oder nicht, hängt davon ab, wie wir uns heute verhalten. Denn das ICH von morgen wird sich daran erinnern.

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