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Die Macht der kleinen Schritte

Meine Eltern sind echte „Arbeitstiere“. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Ich kenne niemanden, der so viele Jahre, so kontinuierlich, so viel und so hart gearbeitet hat. 

Die Wurzel ihrer Einstellung zur Arbeit liegt in ihrer Erziehung und der Erfahrung, die sie in der So­w­jet­uni­on gemacht haben.

Mein Vater sagte mal: „Dort nannten sie uns Faschisten, hier nennen sie uns Russen. Wir gehörten dort nicht dazu und hier auch nicht. Also müssen wir mehr arbeiten als andere.

Wer wie sie als Deutsche in der So­w­jet­uni­on geboren wurde, musste mehr und härter für Respekt und Anerkennung arbeiten, als – ich nenne sie mal – „Natives“. 

Vielleicht ist es mit dem Karriereweg einer Frau innerhalb von Strukturen, die von Männern dominiert werden, vergleichbar.

Letztendlich haben sie ihn sich erarbeitet. Den Respekt. Sowohl drüben als auch hier.

Was mich dabei am meisten fasziniert, ist wieviel sie in der Summe der letzten 30 Jahren erreicht haben. Ohne Deutschkenntnisse, sind sie als UPS-Fahrer und Reinigungskraft gestartet und sind bei zwei entschuldeten Immobilien und einer eigenen Firma angekommen.

Dabei sind beide komplett risikoscheu. Es war kein smartes Un­ter­neh­mer­tum, Gambling oder Glück dabei, sondern beharrliches morgens aufstehen, etwas tun, und Abends zu Bett gehen.

So addierten sich die vielen kleinen Teile der vergangen Jahre zur heutigen Summe.

Seit dem ich – ich nenne sie mal „die Macht der kleinen Schritte“ –  für mich verstanden habe, übe ich mich in der Anwendung dieser Strategie. Und bin fasziniert, wie gut und vor allem, mühelos, das funktioniert.

Dazu drei Beispiele

Als Softwareentwickler habe ich naturgemäß eine Brille auf. In meinem Kopf ist „Software“ die Lösung aller Probleme. (Wäre ich Biochemiker, würde ich vermutlich auf andere Lösungsansätze kommen.)

Letztes Jahr habe ich begonnen mit Hilfe eines Programms einige nervige Aufgaben in unserer Firma zu automatisieren. Es hat ganz harmlos begonnen und hat mich ein paar Wochen Zeit gekostet. Aber als ich mit der ersten Version fertig war, bekam ich eine neue Perspektive und sah auf einmal weitere Probleme, die ich ebenfalls mit diesem Programm automatisieren könnte.

Seit dem fragmentiere ich die Aufgaben in kleinere, in sich abgeschlossen Häppchen und implementiere maximal 1-2 Tage die neue Funktion. Jede Erweiterung ändert den Ist-Zustand, erweitert meine Möglichkeiten und verschiebt meine Perspektive.

Ausgehend vom neuen Ist-Zustand fällt es mir dann relativ einfach die nächste Funktion zu bestimmen, die ich implementieren werde.

Das Beste an diesem Vorgehen: Es strengt mich nicht an und setzt mich nicht unter Druck. Die übergeordnete Mission lautet: „Automatisierung von nervigen Aufgaben“

Aber es gibt kein bestimmtes Endziel, das ich verfolge. Geht auch gar nicht. Denn so schnell wie sich unsere Firma ändert, wäre jede Zielsetzung nach einigen Monaten schon wieder überholt.

So hole ich im Rahmen meiner Möglichkeiten den größten Nutzen für uns raus.

2. Beispiel

Wir wollen dieses Jahr unseren Garten umzugestalten. In der Vergangenheit habe ich dazu tendiert mir Tage (z.B. Samstag) freizuhalten und dann in einer 6-8 Stunden Aktion möglichst viel zu schaffen.

Diese Strategie kenne ich auch von meinen Eltern. Sie beißen die Zähne zusammen und ziehen die anstehende Arbeit einfach durch. 

Und genau das funktioniert für mich nicht. 

Denn was passiert da eigentlich? Mein ICH von heute verplant mein ICH von Morgen. Und mein ICH von morgen sagt sich: „Nö, das Wetter ist schlecht. Ich fühle mich auch nicht danach und überhaupt soll das ICH von übermorgen das erledigen.“ Diese Strategie geht für mich nicht auf und ich komme nicht so schnell voran, wie ich gern hätte.

Die Strategie der kleinen Schritte funktioniert für mich dagegen erstaunlich gut.

So wollte ich beispielsweise zwei Kubikmeter Steine von A nach B schaffen. Statt den Job in einem 6-Stunden-Marathon durchzuziehen, danach fix und fertig zu sein und dieses Projekt für alle Zeiten zu hassen, unterteilte ich die 18 Meter, auf denen die Steine verteilt lagen, in sechs Abschnitte und arbeitete sie nach Feierabend ab.

Das hat mich nie mehr als eine Stunde Zeit gekostet und war eine willkommene Abwechslung zu meinem Bürojob. 

Der Gag dabei ist, dass ich jedes Mal happy rein ging und so eine positive Spirale losgetreten habe. Denn statt mich schlecht zu fühlen, weil ich wieder was verschoben habe, konnte ich mir praktisch täglich auf die Schulter klopfen und mich verdientermaßen gut fühlen. 

Das motiviert und macht es mir einfach mich am nächsten Tag aufzuraffen und ein weiteres Arbeitspaket zu erledigen.

Auf diese Weise habe ich dieses Jahr in ca. 15 kleinen Schritten mein Gartenprojekt vorangebracht und in der Summe mehr geschafft, als ich normalerweise schaffen würde.

Und auch in diesem Beispiel tritt das selbe Phänomen zu Tage: Ich verschiebe den Ist-Zustand Schritt für Schritt weiter und sofort wird mir klar, welcher Schritt als nächstes ansteht.

3. Beispiel

Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen 33.300 Liegestütze zu machen. Dieses Zahl kommt nicht vor ungefähr. Ich habe am ersten Januar mit einer Liegestütze angefangen und lege jeden zweiten Tag eine drauf. Mittlerweile bin ich bei 47 angekommen. Wenn ich die Summe über 365 Tage bilde, komme ich eben auf diese, zugegeben furchterregende, Zahl.

Aber auch hier hilft mir die Strategie der kleinen Schritte. Weil ich mit einer Liegestütze begonnen habe und mich jeden zweiten Tag steigere, habe ich genug Zeit, um mich körperlich und mental anzupassen. Hätte ich gleich mit 90 Liegestützen pro Tag begonnen, glaube ich nicht, dass ich auch nur eine Woche durchgezogen hätte.

Fazit

Die Strategie der kleinen Schritte ist für mich nicht neu. Ich habe in vielen Büchern davon gelesen. Wirklich verstanden habe ich es erst, als ich sie bewusst angewandt und im Anschluss darüber nachdachte.

In anderen Büchern ist zu gelesen, dass man sich auf eine einzige Sache fokussieren soll. Gelingt mir persönlich nicht. Denn erstens brauche ich Abwechslung, weil sich sonst meine „ich will“-Einstellung schnell in eine „ich muss“-Einstellung wandelt. 

Und zweitens kommt es nun mal vor, dass Leerlauf entsteht, weil ich auf die Zuarbeit von jemanden warte. Dann geht Zeit verloren.

Mehrere Projekte gleichzeitig in der Luft zu halten und in jedem immer nur kleine Schritte zu machen, bringt mir Abwechslung und verschafft mir den nötigen Abstand, um mich zu orientieren und zu entscheiden wie es weiter geht.

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