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120km zu Fuß und was es mit einem macht

Im September 2020 war es soweit: Ich ging bei mir zu Hause los und kam vier Tage und 120km später auf der Brockenspitze an.

Wozu? Das möchte ich heute erzählen.

Vor ca. einem Jahr öffnete ich eine Karten-App, zeichnete eine Route mit der Länge von 10km, zog meine Schuhe an und ging los. Das hat mir so gut gefallen, dass die zweite Tour eine Woche später folgte.

Meine dritte Tour dieser Art ging in mein Büro. Das ist 17km von meinem Haus entfernt. Eigentlich war danach arbeiten geplant, aber ich konnte nicht. War einfach platt. Ich überredete meine Frau mich nach Hause zu fahren, legte mich ins Bett und schlief drei Stunden durch.

Im Laufe der Zeit wurden die Touren immer länger. 15km, 20km, 26km. Zuletzt 32km. Bei einem Tempo von etwas weniger als 5km/h, benötige ich – je nach Gelände – fast 7 Stunden für eine Strecke von 32km.

Und das mache ich deshalb, weil ich für mich etwas entdeckt habe, was mich schon fast süchtig nach diesen „Ausflügen“ macht.

Das Setup

„Allein mit sich selbst und das über einen Zeitraum von mehreren Stunden?!“

Die meisten skeptischen Blicke bekomme ich, wenn ich erzähle, dass ich ohne Musik und ohne Hörbücher unterwegs bin. Allein mit mir selbst.

Zwar habe ich mein Smartphone in der Tasche, aber das nutze ich – wenn überhaupt – für die Navigation. Erreichen kann mich niemand. Das Telefon ist im Flugmodus.

Noch eine kleine Flasche Trinkwasser im Rucksack und vielleicht noch eine Banane. Aber mehr habe ich nich dabei.

Mir ist aufgefallen, dass ich je nach dem wie lange ich unterwegs bin, mental und physisch unterschiedliche Phasen durchlaufe.

#1 – Das Erlebte verarbeiten

Die ersten 1 – 2 Stunden passiert im Prinzip das was jeder kennt, wenn er von der Arbeit nach Hause fährt: Man verarbeitet den Tag.

Auch im Gehen sortiere ich meine Gedanken, führe ein paar innere Monologe, rege mich auf und dann wieder ab. Finde das eine blöd und etwas anderes toll.

Für mich ist es wie auf einem Stein zu sitzen und nachzudenken. Also etwas zu tun, wofür im Alltag üblicherweise die Zeit fehlt.

Manchmal muss der mentale Druck runter und über Bewegung funktioniert das besonders gut.

#2 – In die Zukunft blicken

Nachdem ich den Gedankenbrei verarbeitet und sortiert habe, kommen mir meitens Ideen und Einfälle. Ich grübele dann über Geschäftsideen, über neue Produkte, über den Inhalt des nächsten Newsletters, usw.

Ich erkläre mir das so, dass ich in den ersten beiden Stunden den mentalen Ballast beiseite schaffe. Und das macht scheinbar den Weg für kreativere, in die Zukunft gerichtete Gedanken frei.

Das ist eine Phase, in der ich oft 5km zurücklege, ohne es wirklich zu merken.

Es macht Spaß. Ich träume dann vor mir hin und male mir aus, in welche Richtung es in meinem Leben geht.

#3 – Gedankenlosigkeit

Nach ca. 15km merke ich meinen Körper. Die Füße fangen an zu schmerzen. Wenn ich ein Rucksack dabei habe, dann auch der Rücken und die Schultern. Aber das geht alles noch.

Mein Kopf wird immer leerer und ich habe immer weniger Lust nachzudenken oder zu grübeln. Weder muss ich etwas mit mir selbst ausdiskutieren, noch habe ich Lust Ideen weiterzuspinnen.

In dieser Phase denke ich nicht mehr über die Kilometer hinter mir oder vor mir nach. Ich plane und denke immer weniger. Ich setzte einfach einen Fuß vor den anderen und gehe.

Die kleinen Wehwehchen in den Beiden rücken immer weiter in mein Bewusstsein, so dass ich mich immer mehr auf meinen Körper fokussiere. Gedanken schweifen immer seltener ab.

In diesen Stunden und Kilometern bin ich meistens sehr ruhig und happy. Ich merke Unbehagen, aber nicht so, dass ich abbrechen möchte. So ähnliche wie positiver Stress, fühlt sich auch der Schmerz positiv an. So als ob es sich lohnt. Als ob ich in etwas investiere.

In dieser Phase bin ich raus aus meiner Welt. So, als ob ich in den Urlaub gefahren bin und komplett abgeschaltet habe. Was auch immer mich vor ein paar Stunden noch beschäftigt hat, ist jetzt egal und ist ganz weit weg.

#4 – Erschöpfung

Ca. 5 km vor dem Ziel bin ich stur auf die Ziellinie fokussiert. Es tut alles weh, ich bin einfach nur kaputt, ich will ankommen, aber gleichzeitig liebe ich es!

Meistens gehe ich eine Liste von Dingen im Kopf durch, mit denen ich mich belohnen werde. Eine Flasche Wasser auf ex trinken, heiß duschen, evtl. noch in die Sauna gehen und danach Essen. Viel essen.

Mein Endorphin-Level ist auf dem Höchststand. Es wundert mich, wie man so im Arsch und trotzdem so happy sein kann.

Das Ziel zu erreichen scheint mir dann jede Mühe wert.

Der Brocken

122km Tour zum Brocken in vier Etappen

Der Gedanke, dass ich mehrere Tage auf Tour gehen will, packte mich schon sehr früh. Ich wollte wissen, ob und wie weit ich es schaffen würde. Und der Brocken schien mir das perfekte Ziel zu sein.

Als die Wettervorhersage im September für eine ganze Woche regenfreies Wetter versprach, buchte ich spontan Hotels, packte meine Sachen und ging los.

Am zweiten Tag meiner Brocken-Wanderung legte ich 41km zurück. Mein Rekord bisher. Ich war noch nie in meinem Leben so ausgepowert und gleichzeitig so zufrieden wie an diesem Abend.

Noch mehr habe ich mich selbst am dritten Tag überrascht, als der Muskelkater bereits nach einer Stunde komplett nachgelassen hat und mir die 25km wie ein Spaziergang vorkamen.

Als es an Tag 4 Richtung Brockenspitze ging, stieß meine Familie dazu und wir gingen gemeinsam hoch. Dort angekommen, berührte ich den Stein und fühlte Stolz, Erleichterung und Ruhe. Ein unbeschreibliches Gefühl für sich etwas Großes erreicht zu haben.

Dieses Gefühl hielt noch mehrere Tage an und ich verstehe sehr gut, dass Menschen süchtig danach werden.

Heute beschäftigt mich eine Frage:

Wenn ich in der Lage war mich innerhalb einiger Monate von 10km auf 40km zu steigern… Und wenn ich nach einer Tour, in der Länge eines Marathons, am nächsten Tag noch gehen konnte, als ob nichts gewesen ist…

Geht da noch mehr?

2021 gehts für mich zum Meer. Das ist von uns aus – je nach Zielort – zwischen 220km und 300km. Bei einem Tagespensum von 35km wäre es eine Tour von 7 bis 9 Tagen.

Aber muss es bei 35km am Stück bleiben? Bekomme ich nicht auch 45km oder gar 50km hin?

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